Spezialschulen für blinde und hochgradig sehbehinderte Kinder müssen bestehen bleiben.
Text: Mag. Raimund Lunzer
Eine klare Absage an die derzeitigen Bestrebungen zur generellen Abschaffung aller Sonderschulen erteilt der Österreichische Blinden- und Sehbehindertenverband. ÖBSV-Präsident Mag. Gerhard Höllerer fordert mit Nachdruck: "Blinde und hochgradig sehbehinderte Kinder bzw. deren Eltern müssen auch weiterhin die freie Wahlmöglichkeit zwischen einem integrativen Schulplatz oder dem Besuch einer Spezialschule haben."
In Österreich gibt es fünf anerkannte Spezialschulen für sehbeeinträchtigte Kinder: Das Bundes-Blindenerziehungsinstitut (BBI) sowie die Sehbehindertenschule in der Zinckgasse in Wien, das Odilien-Institut für sehbehinderte oder blinde Menschen in Graz, das Sonderpädagogische Zentrum des Landes Tirol für blinde und sehbehinderte Kinder (SPZ) in Innsbruck sowie die Landes-Lehranstalt für Hör- und Sehbildung Linz.
"Eine ersatzlose Schließung dieser bewährten Bildungseinrichtungen und ein integrativer Unterricht für alle blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen in Regelschulen sind derzeit lediglich das Wunschdenken einiger praxisfremder Theoretiker", ärgert sich Präsident Höllerer, selbst erfolgreicher Absolvent des BBI. Der Besuch dieser Spezialschule legte den Grundstein für die Karriere des heutigen Juristen in der Studierendenanwaltschaft des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung.
"Aus der UN-Behindertenkonvention lese ich nicht ein Muss zu einem uneingeschränkten integrativen Bildungssystem, sondern den Auftrag zur bestmöglichen Förderung behinderter Menschen heraus", widerspricht Mag. Höllerer dem Modell der "Inklusiven Bildung" des Unabhängigen Monitoringausschusses zur Umsetzung der UN-Behindertenkonvention sowie zahlreichen befürwortenden Wortmeldungen im Rahmen der jüngsten Diskussion. "Das derzeitige Bildungssystem in Österreich ist überhaupt nicht geeignet, blinden und hochgradig sehbehinderten Kindern im Rahmen eines integrativen Unterrichtes jene Ausbildung angedeihen zu lassen, die diese an den Spezialschulen mit ihren ungeheuren Wissensspeichern und hervorragend ausgebildeten Lehrkräften erhalten." Zudem gebe es viel zu wenige geeignete Betreuungs- und StützlehrerInnen an den Regelschulen.
Der Präsident der größten Selbsthilfeorganisation für sehbeeinträchtigte Menschen in Österreich fordert daher, dem Recht auf Selbstbestimmung mehr Gewicht als jenem auf "Inklusive Bildung" einzuräumen: "Außerdem darf man nicht vergessen, dass Spezialschulen einen wertvollen Beitrag für die Inklusion, die immer unser erklärtes Ziel sein muss, leisten können." Am BBI beispielsweise wurde eine Klasse in Kooperation mit der gegenüber liegenden Volksschule geführt. "Davon konnten sowohl die blinden und hochgradig sehbehinderten Kinder, als auch die Sehenden weit mehr profitieren als in einer künstlich von oben herab verordneten Integrationsklasse, bei der im derzeitigen völlig unvorbereiteten Schulsystem eindeutig die sehbeeinträchtigten Kinder auf der Strecke bleiben würden", schließt Höllerer.
[Foto: Mit besonders geschulten und erfahrenen Lehrkräften können blinde Kinder und Jugendliche, hier im technischen Bereich, Höchstleistungen erzielen.]
[Foto: Lernen macht den Kindern und Jugendlichen, hier eine sehbeeinträchtigte Schülerin beim Videofilmen, in Spezialschulen Spaß.]
[Info-Kasten: ... Gedanken zur Inklusion:
Prof. Erich Schmid, im Bild als Louis Braille, nimmt zum Thema Inklusion Stellung.
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Wenn wir die weiteren Bedeutungen des Wortes Inklusion vernachlässigen und uns auf inklusive Pädagogik beschränken, so ist die Anerkennung der Diversität von Menschen ein entscheidendes Merkmal in Erziehung und Bildung. Inklusive Pädagogik geht von der Voraussetzung aus, dass es stets möglich sein muss, individuellen Bedürfnissen von SchülerInnen gerecht zu werden - ein hohes Ziel, das aus meiner Sicht anzustreben ist, dessen Erreichbarkeit jedoch geprüft werden soll, bevor "das Kind mit dem Bade" ausgegossen wird! Wir haben am Bundes-Blindenerziehungsinstitut (BBI) schwerstbehinderte Kinder, welche sich - am Beispiel der Kapelle in unserem Haus - durch die raumspezifischen Sensationen (Glocke, Weihrauch, Ticken der Uhr nahe dem "ewigen Licht", ...) in ruhiger Atmosphäre stark beeindrucken lassen, die jedoch z.B. bei Feiern jeglicher Art, deren Sinn sie nicht verstehen, trotz Betreuung von SpezialistInnen Verhaltensmuster zeigen (z.B. Ausstoßen von Lauten), welche sich stark von jenen der übrigen feiernden Personen unterscheiden. Bisher habe ich in den Theorien der inklusiven Pädagogik noch keine Wege gefunden, die Anerkennung des So-Seins dieser Menschen mit Behinderung und der Wirkung auf die restlichen Personen in Einklang zu bringen. Entspräche der Ausschluss mancher Personen von den eben erwähnten Feiern noch der inklusiven Pädagogik? Sollten nur "Auserwählte" an den Feiern dieser Personen teilnehmen? - Wenn die Auseinandersetzung mit solchen Fragen (die auch von der inklusiven Pädagogik geschätzten SpezialistInnen sind am Werk!) derzeit schon der Alltag in sonderpädagogischen Einrichtungen ist, dann sind die Schritte zur Inklusion, auch zur inklusiven Pädagogik, sehr genau zu planen. Und es kann keinesfalls von der Hoffnung ausgegangen werden, dass sich mit dem Verwerfen eines Bildungskonzeptes ("Sonderschule") automatisch eine Verbesserung der Möglichkeiten von Inklusion einstellt. Das widerspricht nicht dem Prinzip von und dem Recht auf Inklusion! Die Gegenüberstellung von Integration als Anpassungsleistung eines Menschen mit Behinderung und Inklusion als Veränderung des Systems kann bei überspitzter Sichtweise zu dem verkürzten Schluss führen, man brauche einfach nur das System zu ändern und die Menschen ändern sich automatisch mit. Wie wir aus der Geschichte des Unterganges von politischen Programmen und Ideologien wissen, sind es stets Menschen, welche ein System konstruieren und es zum Guten oder Bösen lenken.]
[Info-Kasten: ... zur Person:
Prof. Erich Schmid ist seit seiner Geburt 1955 vollblind und hat zwischen seinem dritten und sechsten Lebensjahr den örtlichen Kindergarten ("integriert") besucht. Die Pflichtschule hat er an der "Spezialschule" Bundes-Blindenerziehungsinstitut (BBI) absolviert und anschließend "integriert" das Gymnasium mit Matura abgeschlossen. An der Pädagogischen Akademie war er während seiner Ausbildung zum Lehrer der einzige blinde Student. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer am Bundes-Blindenerziehungsinstitut hat er ein Colleg an einer HTL absolviert, das Lehramt für Informatik im berufsbegleitenden Studium abgelegt und studiert derzeit noch an der Universität Wien Germanistik und Geschichte. Weiters ist er an der pädagogischen Hochschule im Rahmen der Blindenlehrerausbildung tätig. Sein soziales Engagement betrifft Menschen mit und ohne Behinderungen: An seiner Dienststelle ist Prof. Schmid Personalvertreter und Schulqualitätsbeauftragter, verantwortlicher Redakteur für die Hauszeitung und häufig zuständig für öffentliche Projekte.]
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