"Der Durchblick" - Mitteilungen des ÖBSV


Salzburg

Auf der Suche nach dem Unsichtbaren

Michaela Grieshaber, eine Mozarteumstudentin, und der Salzburger Blinden- und Sehbehindertenverband wagten sich an ein besonderes Kunstprojekt mit dem Titel "Auf der Suche nach dem Unsichtbaren".

"Was entsteht, wenn man mit geschlossenen Augen ein Foto macht? Nach welchen Kriterien sucht man einen Ausschnitt aus, wenn die visuellen Fähigkeiten fehlen? Wie verändert sich die Wahrnehmung? Das waren die Fragen, die ich mir zu Beginn des Projektes stellte. Ich wollte mich, fasziniert von der Fähigkeit, sich ohne seinen Sehsinn zu orientieren, bei meiner Abschlussarbeit der Wahrnehmung blinder und sehbehinderter Personen annähern und versuchen, diese anhand der Fotografie und des Tons sichtbar zu machen", erklärt Michaela Grieshaber, Mozarteumstudentin mit Schwerpunkt Fotografie und Video, ihren Ausgangspunkt für die Arbeit.

Der nächste Schritt war, einen Kooperationspartner zu suchen und zu finden, in Form des Salzburger Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Dieser unterstützte mit großer Begeisterung das ungewöhnliche Projekt, das in dieser Form in Europa noch nie durchgeführt wurde. "Ein besonderes Anliegen unseres Verbandes ist die Sensibilisierungsarbeit. Gemeinsam mehr Sehen ist unser Motto. Daher war es klar, bei diesem Projekt mitzumachen", so Josef Schinwald, Obmann des SBSV und selbst einer der Fotografen. Und weiter: "Ich habe versucht, alles was ich früher gerne gesehen habe zu fotografieren. Die Idee, Blinde fotografieren zu lassen, finde ich genial. Da so eine andere Sichtweise der Dinge gezeigt wird und auf Grund der Behinderung die fotografische Professionalität weggelassen werden muss. Dieses Projekt zeigt aber auch, dass ein Miteinander großen Spaß machen kann."

Felix Freisinger erarbeitete sich seine fotografischen Werke ganz anders. Den Zugang zum Projekt beschreibt er so: "Durch die Schädigung der Sehnerven an beiden Augen und durch einen ausgeprägten Gesichtsfeldausfall nach links, besteht jedes Bild meines Lebens nur mehr zur Hälfte. Der rechten Hälfte. Und auch der gutgemeinte Ratschlag, dann halt die linke Hälfte anzusehen, bringt ja auch dort wieder nur die Hälfte. Die rechte Hälfte. In der Schnelle des Lebens kann man die Bilder oft gar nicht so schnell zusammensetzen, daher gibt es nur einbeinige Touristen, nur halbe Gesichter, halbe Aschenbecher, halbe Kaffeetassen, halbe Teller. Aber im Wissen um das Rund des Tellers erinnert man sich halt auch des linken, unsichtbaren Teiles und isst auf. Schade, dass ich mich erst wieder nach 14 Jahren mit dem Fotografieren beschäftigt habe, etwas, das für mich früher sehr wichtig war. Es hat Spaß gemacht, wieder zu suchen. Sich wieder seiner Grenzen auf einem neuen, früher gewohnten Gebiet bewusst zu werden, hat aber auch weh getan. Ich sehe zwar meine Fotos nicht in einem, muss sie erst wieder für mich zu einem Bild zusammensetzen, habe aber wieder eine Stufe überwunden und möchte weitersuchen. Das Unsichtbare."

Mag. Gerlinde Kämmerer

[Info-Box: ... Audiofotos als Portrait:

Was war die Aufgabe im Projekt? Sebastian Traugott (14 Jahre, blind), Josef Schinwald (52 Jahre, blind) und Felix Freisinger (57 Jahre, stark sehbehindert) bekamen analoge Spiegelreflexkameras samt Diktiergeräten und sollten während zwei Wochen jene Dinge fotografieren, die ihnen aufgrund der Geräusche, Gerüche oder Erinnerungen interessant erschienen. Herausgekommen sind Fotos, die durch Text und Ton eine zusätzliche Ebene bekamen. Diese Audiofotos zeigen - jedes für sich - anschaulich und eindrucksvoll die Welt und die Wahrnehmung des blinden/sehbehinderten Fotografen. Erstaunliche Perspektiven und präzise Einstellungen verblüffen und irritieren den Betrachter der Bilder. Das Ergebnis des Projektes "Auf der Suche nach dem Unsichtbaren" war im Rahmen einer beeindruckenden Ausstellung im neuen Mozarteum in Salzburg von 3. - 18. Juni zu sehen und hat viele Besucher sehr begeistert.]

[6 x Fotos: Alles Bilder, die im Rahmen des Projektes entstanden sind: Ein Sessel, auf dem ein rotes Plastiksackerl liegt; Beine, die einen Schatten abwerfen; Das Blindenzeichen am Revers eines Sakkos; SBSV-Obmann Schinwald neben einem Kastenwagen; Zwei Beine mit Freizeitschuhen auf einem Kopfsteinpflaster; Ein Einkaufskorb samt Plastiksackerl auf einem Fahrrad-Gepäckträger.]

 

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