Historische Betrachtungen Einhundert Jahre "Wittelsbach" Teil I: Historische Anmerkungen Das Geschlecht der Wittelsbacher und die Wittelsbachstraße "Gott mit Dir, Du Land der Bayern, Deutsche Erde, Vaterland! Über Deinen weiten Gauen Walte Seine Segenshand! Er behüte Deine Fluren, Schirme Deiner Städte Bau! Und erhalte Dir die Farben Deines Himmels weiß und blau!" (Bayernlied, 1. Strophe) Der Titel der nachstehenden Abhandlung verführt von Anbeginn zu Missverständnissen. Das erlauchte Fürstengeschlecht der Wittelsbacher ist unzweifelhaft älter als hundert Jahre, laut ein- schlägiger Nachschlagewerke führt es seine Herkunft auf den Markgrafen Liutpold von Bayern (+907) zurück; er fiel in der ver- nichtenden Reiterschlacht des kaiserlichen Heeres gegen die Magyaren. Otto V. verlegte zwei Jahrhunderte später den Sitz des Geschlechtes auf die Burg Wittelsbach bei Aichach; von dort her leitet sich der Name dieses später weit verzweigten Fürsten- geschlechtes ab. Übrigens wurde der genannte adelige Herr 1180 von Kaiser Friedrich I. (Rotbart) mit dem Herzogtum Bayern belehnt. Das Geschlecht hatte viele Nebenlinien, die meisten sind im Ver- laufe der Jahrhunderte ausgestorben. Die Linie Bayern-München war aber ab 1508 vorherrschend und stellte mit Maximilian I. (1597-1651) den bedeutendsten katholischen Reichsfürsten des Dreißigjährigen Krieges, dem 1625 die Kur- würde übertragen wurde. Diese Linie starb jedoch mit dem Kurfürsten Maximilian III. (1745-1777) aus. Ihr folgte Karl Theodor aus der Linie Pfalz- Sulzbach nach, doch auch dieser starb 1791 kinderlos. Die Suk- zession ging nun an Maximilian IV. Joseph aus der Nebenlinie Pfalz-Zweibrücken über. Als eifriger Förderer Napoleons I. erhielt er 1806 von diesem die Königswürde verliehen. Die Nebenlinie Birkenfeld-Gelnhausen des Geschlechtes lag ihm besonders am Herzen und wurde durch ihn in den Rang der "Herzöge in Bayern" erhoben. Aus diesem Geschlecht stammt die Tochter Elisabeth (geb. 25.12.1837), die durch ihre Heirat mit ihrem Cousin Franz Joseph I. (1830-1916) am 24.4.1854 zur Kaiserin von Österreich wurde. Die Stadt Wien benannte ihrer Familie zu Ehren diese in den Prater führende Straße eben Wittelsbachstraße. Der Prater und die Leopoldstadt Und da sind wir schon bei einem anderen Begriff: Prater. - Man muss hier ein wenig weiter ausholen. "Pratum" bedeutet in latei- nischer Sprache Wiese, im weitesten Sinne auch Aulandschaft. Und verknüpft ist dieser Begriff des weiteren unzweifelhaft mit dem Schicksalsstrom unseres Landes, der Donau. Sie ist mit 2.850 km Gesamtlänge nach der Wolga der zweitlängste Fluss unseres Kontinents und nimmt als einzige europäische Wasser- straße ihren Weg von Westen nach Osten. Gemeinsam mit den Ostalpen stellt sie das prägende naturräumliche Element Öster- reichs dar, wobei der Wechsel von engen Tallandschaften zu größeren Weiten signifikant ist. Im Wiener Raum verzweigte sich die Donau in zahlreiche Arme, die teilweise durch Brücken oder Furten verbunden waren und schon frühzeitig eine Verbindung von Nord nach Süd ermöglichten. Der Wildreichtum der Donau- auen veranlasste die Habsburger, sich diese als Besitztum für die Jagd anzueignen, deren Betreten dem "plebs miser" strengstens verboten war. Für die unerlässlichen Bediensteten ("Pla- chenknechte" und Jäger) ließ Kaiser Maximilian II. (1527-1576) im ersten Drittel seiner Regierungszeit 18 Häuser in schnurgera- der Linie bauen - die Jägerzeile, heute Praterstraße. In einem nordwestlich gelegenen Teil des vielverzweigten Insel- systems entstand ab 1439 eine erste Vorstadt, der sogenannte Untere Werd. Diese allmählich größer werdende Siedlung wurde leider immer wieder von Überschwemmungen, Eisstößen und kriegerischen Ereignissen geplagt. Die spätere Namensgebung spiegelt ein sehr dunkles Kapitel der Wiener Stadtgeschichte wi- der: 1623 wurde die Ausweisung der Juden aus dem Wiener Ghetto in diese Vorstadt verfügt, hier entstand auf größerer Flä- che eine Heimstatt für die Vertriebenen. 1669 ordnete jedoch Kaiser Leopold I. (1658-1705) per Dekret die Vertreibung der jü- dischen Gemeinde auch von hier an; die leerstehenden Gebäude überließ er samt Grundstücken der Stadt Wien, die ihm zu Ehren der gesamten Vorstadt den Namen Leopoldstadt gab. 1683 wurde die Vorstadt im Zuge der Türkenbelagerung schwer devastiert und erholte sich nur langsam von den Verwüstungen. Das Gebiet der Vorstadt wurde dann allmählich erweitert, jedoch blieb das ostwärts gelegene große kaiserliche Jagdgebiet ge- schlossen erhalten. Es wurde mit einem Zaun gesichert, der zahlreiche Tore aufwies, durch welche den erholungssuchenden Wienern zu bestimmten Zeiten Eintritt in das weitläufige Gelände gewährt wurde. Daneben existierte noch der weitläufige Komplex des Augartens, gleichfalls kaiserliches Jagdgebiet und seit 1698 mit einem Palais nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach ausgestattet. Kaiser Joseph II. (1780-1790) hat den Augarten 1775 dem Publi- kum zugänglich gemacht, über dem Haupteingang prangt noch immer sein Wahlspruch: "Allen Menschen gewidmeter Erlusti- gungsort, gewidmet von ihrem Schätzer". Im 19. Jahrhundert wurde der Besuch des Praters ungeheuer populär, bald entstan- den weitläufige Komplexe von Wirtshäusern und Erfrischungs- buden - und schließlich wurden auch Ringelspiele, Schaukeln und andere Belustigungen gestattet: Es entstanden der "Wurstelprater" (nach der berühmten Puppenfigur des "Hans Wurst" oder "Kasperl") und der "Grüne Prater". Berühmt waren auch die Feuerwerke des Stuwer, die hier abgebrannt wurden. 1873 wurde das Gebiet sozusagen zum Mittelpunkt der Welt, fand doch hier eine Weltausstellung statt, die von zahlreichen gekrönten Häuptern und vielen Bürgern aus dem In- und Ausland besucht worden ist. Der Prater hatte sich zu diesem Zeitpunkt insoferne schon stark verändert, als 1870 die Donauregulierung begonnen worden war. Die zahllosen Inseln verlandeten nun im- mer mehr und bildeten eine kompakte Fläche. Auch der Donaukanal, der südlichste ursprüngliche Donauarm, entstand in seiner heutigen Form mit 17,3 km Länge. Teile des gewonnenen Areals wurden nunmehr als Bauparzellen verkauft, wobei unter- schiedliche Nutzungsgebiete vorgesehen waren. In der Gegend entlang des Donaukanals sollten primär Villenviertel entstehen, daneben war noch die Errichtung von Bürgerhäusern vorgesehen (es waren dies jene Bauten, die damals schon einen ent- sprechenden Komfort aufwiesen). "Am Schüttel" wurde dem- entsprechend gebaut, erst Villen (von zumeist vornehmen Bauherrn), dann aber auch ansehnliche Mietshäuser für das ge- hobene Bürgertum. Interessant ist, dass die Verbauung aber bloß in einem Streifen entlang des Donaukanals von West nach Ost erfolgte; die Wiesen und Waldstücke des "Grünen Praters" blie- ben unberührt. Verkehrsmäßig wurde das genannte Gebiet schon frühzeitig er- schlossen: 1865 verkehrte die erste Pferdestraßenbahn Wiens zwischen Schottentor und Hernals, Wattgasse, auf einer Länge von 4,011 km - schon 1873 wurde eine Linie vom Aspernplatz (heute: Julius-Raab-Platz) zur Rustenschacher Allee eröffnet, die durch die Wittelsbachstraße führte. Zu Anfang unseres Jahrhun- derts erfolgte dann die Aufnahme des elektrischen Betriebes. Die Entwicklung der Blindenbildung Wittelsbach und Blindenbildung in Österreich sind seit 100 Jah- ren beinahe zu einem Synonym geworden und mögen vorspiegeln, dass es mit der Blindenerziehung erst hier angefan- gen hat. Aber das ist grundfalsch! Die Idee der Blindenbildung ist ein Kind der Aufklärungszeit des 18. Jahrhunderts - einer Zeit, in der Bildung das höchste Menschheitsideal bedeutete. Man begann zu hinterfragen, wa- rum extrem Behinderte (Taube, Blinde) davon ausgeschlossen bleiben sollten! Der erste Versuch zur Beschulung Blinder wurde 1784 in Paris unternommen: Ein Beamter des Außen- ministeriums, Valentin Haüy (1745-1822), begann mit dem Unterricht einiger blinder Kinder. Seine unbestreitbaren Erfolge versanken jedoch in den Turbulenzen der Französischen Revolu- tion - und die Möglichkeit der Bildung und Erziehung blinder Menschen musste andernorts "neu entdeckt" werden. Unser In- stitut führt seine Gründung auf das Jahr 1804 zurück, der Pionier war ein Jurist aus Schwaben, Johann Wilhelm Klein (1765-1848). Er begann mit seinem Unterricht gar nicht so weit entfernt vom heutigen Institutsgebäude, in der Landstraßer Hauptstraße 34. Der Gedanke erscheint reizvoll, dass der Gründer womöglich mit seinen Schülern am Ufer des Donaukanals gestanden ist und zur gegenüberliegenden Au des "Schüttel" hinübergeschaut hat. Das k.k. Blindenerziehungsinstitut etablierte sich 1829 in einem Gebäude in der Vorstadt Josephstadt, welches unmittelbar am Linienwall (der ab 1704 geschaffenen zweiten Verteidigungsan- lage Wiens) lag. Das liberale Gemeinderegiment beschloss ab 1890 die Schaffung eines Groß-Wien, die vor dem Linienwall ge- legenen Vororte wurden damals eingemeindet, die nutzlose Verteidigungsanlage sukzessive abgebrochen. - Und das ist die Stunde für "Wittelsbach": Der damalige Direktor des Institutes, Alexander Mell (1850-1931), musste eine neue Unterkunft su- chen. Diese Suche erstreckte sich über das ganze Wiener Stadtgebiet, ja sogar das niederösterreichische Umland bot sich an. Hofrat Dr. Friedrich Benesch Eine Idee wird Realität Der Bau des Institutes in der Wittelsbachstraße Die Stadtplanung des ausgehenden 19. Jahrhunderts veränderte das Bild Wiens nachhaltig und gab der Stadt die uns vertraute Gestalt. Die Gegend rund um die Josephstädter Straße, der wichtigsten Straße durch den achten Wiener Gemeindebezirk, war Anlass für viele Diskussionen zwischen 1891 und 1895. Die verschiedens- ten Interessensgruppen versuchten Einfluss auf die Gestaltung zu nehmen. Immer stand dabei die Aufteilung des Areals, auf dem das Blindeninstitut gebaut war, zur Diskussion. Am 20. April 1896 war es dann wirklich so weit. Der erste Teil des Institutsgrundstücks in der Josephstadt wurde verkauft. Die Abtretung an die Stadt Wien brachte 40.000 Gulden Ertrag für den Baufonds der Anstalt, die später in der Wittelsbachstraße entstehen sollte. Durch die Gebietsverluste wurden aber Umbau- ten am Schulgebäude in der Josephstadt notwendig. In einer turbulenten, alles entscheidenden Sitzung, für die man im Haus sogar betete, wurden die Pläne für den Umbau von Di- rektor Mell verworfen. Ein Umzug war damit unumgänglich und besiegelt. Ratlosigkeit und Depression erdrückten die Betroffe- nen. Obwohl wenige Monate vorher, am 22. Jänner 1896, die Direkti- on die Behörden auf einen Bauplatz an der Valeriestraße, nahe des Donaukanals im grünen Prater gelegen, aufmerksam ge- macht hatte, war die Verzweiflung allgegenwärtig. Der Grund gehörte dem Großgrundbesitzer, Großindustriellen und Mitglied des Herrenhauses, Anton Dreher (1849-1921). "Gute Kontakte sind immer gut." Dieser Spruch bekam nun bri- sante Aktualität. Frau Editha Mautner von Markhof war eine prominente Gönnerin des Blindeninstitutes und befreundet mit der Familie Dreher. Die Gattin des Institutsdirektors, Frau Mell, bat nun Frau Mautner von Markhof, ein gutes Wort bei Herrn Dreher einzulegen, um einen Preisnachlass von 100.000 Gulden auf das Grundstück zu be- kommen. Frau Mautner muss umwerfend gewesen sein, denn Herr Dreher war nicht nur ein verständiger Zuhörer, sondern so- gar noch zu weiteren Zugeständnissen bereit. Er erwartete aber offizielle Aktionen. Die folgten ungewöhnlich rasch. Es erging eine Eilmeldung der Direktion an den Statthalter von Wien, Graf Kielmannsegg, der sich persönlich der Sache annahm. Das Unternehmen wurde zu einem riesigen Erfolg. Am 24. März 1896, anlässlich des bevorstehenden 50-jährigen Re- gierungsjubiläums Kaiser Franz Josephs I. 1898, wurde eine Stiftung mit Bauverpflichtung zusätzlich zum Fonds des k.k. Blin- deninstitutes eingerichtet. Stiftungen anlässlich dieses Jubiläums waren steuerfrei. So bekam das Institut ein Baugrundstück ge- schenkt. Statthalter Graf Kielmannsegg und Bezirkshauptmann Dr. Franz Böhm hatten noch einiges zu tun, um die für diese Gegend gi- gantischen Baupläne durchzubringen. Ihre Bemühungen führten zum Spatenstich am 28. September 1896. Das Gelände der alten Schule wurde zu ausgezeichneten Bedin- gungen an die Windhag'sche Stiftung verkauft. Direktor Mell legte bereits einen Monat nach der Schenkung, am 21. April 1896, das Bauprogramm für das neue Objekt vor und - obwohl an der Fassade massive Abänderungen und Aus- schmückungen erfolgten - wurde die Innenaufteilung genau nach seinen Vorstellungen realisiert. Die Bauzeit war mit 21 Monaten beeindruckend kurz. Bereits im Frühjahr 1898 war das neue Gebäude bezugsfertig. Sobald es wärmer wurde, begann man mit der Übersiedlung ins neue Haus. Bereits seit 1887 wurde Mobiliar, vorausschauend in der Überle- gung eventuell eine neue Bleibe zu beziehen, angeschafft. Viele Einrichtungsteile waren schon zerlegt angeschafft worden und lagen bereit, im neuen Bauwerk aufgestellt zu werden. So gab es im alten Haus weder ein Konferenzzimmer noch ein Museum oder eine Bibliothek. Die Schule schloss in diesem denkwürdigen Jahr um Wochen früher. Um die restliche Zeit bis zu den regulären Ferien zu über- brücken, war zwar eine Ferienkolonie eingerichtet worden, doch die Schüler zogen es vor, nach Hause zu fahren. Drei Wochen dauerte die Übersiedlung, die am 19. Juni 1898 ab- geschlossen war, drei Monate die Adaptierung des Neubaus. Eigentlich wollte man am 5. Oktober die Einweihung feiern. Der Kaiser hatte sein Erscheinen zugesagt. Da wurde Kaiserin Elisabeth am Bootssteg von Genf durch den Italiener Lucceni er- stochen. Fassungslose Trauer erfasste die Menschen, alle Festlichkeiten wurden abgesagt, verschoben. Erst am 29. Oktober wurden in einer feierlichen Messe das Haus und seine Kapelle eingeweiht. Die große, offizielle Einweihungsfeier fand dann am 21. November mit höchster Beteiligung statt. Leider Gottes war die allerhöchste Beteiligung aufgrund des oben beschriebenen Vorfalls nicht mehr möglich. Im Vestibül empfing Direktor Mell den Unterrichtsminister Graf Bylandt-Rheydt, Statthalter Graf Kielmannsegg (der auch die Festrede hielt), Bauführer Baurat Franz Bereger, Landes- schulinspektor Dr. Karl Rieger, Rechnungsrat Franz Unden und eine beachtliche Anzahl von Behördenvertretern. Nach dem Festakt und dem gemeinsamen Absingen der Kaiser- hymne führten Direktor Mell und Baurat Berger die Gäste durchs Haus. Der "Dreher'sche Institutsgrund" war ungefähr 7.000 Quadratmeter groß. Ursprünglich wollte man die Anlage in Pavillonbauweise errichten, doch dafür war der Platz zu klein. So entschied man sich für einen Haupttrakt und zwei Seitentrakte. Einer für die Mädchen, einer für die Buben. Das Gebäude wurde mit damals unüblich knappen 5 Metern Vorgarten an die Valerie- und die Wittelsbachstraße gesetzt, um möglichst viel Platz für Garten und Hof zu erhalten. Manche dieser Einrichtungen existie- ren noch heute, doch vieles wurde am 11. April 1945 durch die Schlacht um Wien vernichtet. Eine der wenigen Stücke, die noch erhalten sind, ist die aufwän- dig gestaltete Orgel, die von Frau Editha, Edle von Mautner Markhof, gestiftet wurde. Die Bibliothek barg eine der weltweit wertvollsten Sammlungen zum Thema Blindheit und war damals in der Kanzlei unterge- bracht. Das bereits von J. W. Klein 1837 gegründete Museum für das Blindenwesen, das natürlich auch im neuen Haus eingerich- tet wurde, fand die besondere Unterstützung des Großindustriellen Karl Wittgenstein, der mit Glasvitrinen und Glaskästen das gesamte Museum ausstattete. Hofrat Ritter von Zhishman besuchte die Schule in der Joseph- stadt am 26. Juli 1890. Nach dieser Visite vermachte der Professor für Kirchenrecht an der Universität Wien sein ganzes beträchtliches Vermögen und seine umfangreiche Bibliothek dem Blindeninstitut. Er starb am 4. September 1894, die Erblassab- handlung dauerte bis 1898. Sie kam genau im richtigen Moment. Die Stadt Wien hatte seit einiger Zeit zehn Freistellen aus dem Wiener Versorgungsfonds gestrichen und die Kinder in die Lan- desblindenschule Purkersdorf überwiesen. Durch die Erbschaft konnten sofort acht Plätze kompensiert werden. Über 200 Bilder zum Thema Blindheit schmückten die Gänge im 1. Stock. In den Gängen des Schulbereichs hingen 400 Relieftafeln des "Naturgeschichteatlas" der Hof- und Staats- druckerei. Die zweistöckige Kapelle, in den Garten hinausgebaut, hatte im Mezzanin eine offene Terrasse, sodass man direkt ins Grüne ge- langen konnte. Ein wahres Jahrhundertereignis sollte der Besuch des Kaisers werden. Anfang Juni 1902 rollte der Wagen des Monarchen über festlich geschmückte Straßen zu unserem Institut. Das ganze Haus war in großer Aufregung und präsentierte sich von der bes- ten Seite. Alle Hauptverantwortlichen waren zur Stelle und wurden Franz Joseph vorgestellt. Der Herrscher unterhielt sich mit allen und sprach ihnen, wie es seine im Alter geübte Praxis war, seinen Dank für die geleistete Arbeit aus. Mehrmals bedank- te er sich bei Anton Dreher für dessen Sozialengagement. Nach einem einstündigen Rundgang verließ der Kaiser unter Hochru- fen der Schüler, auch jener der Nachbarschule, das Institut. Nun war auch der höchste Besuch geschafft. Die Bildungsarbeit im beginnenden 20. Jahrhundert erfuhr durch dieses große Er- eignis einen neuen Auftrieb. Dr. Otto Jähnl Einhundert Jahre "Wittelsbach" Teil II: 1898-1945 Die Zeit im neuen Haus Der Unterricht geht im neuen Haus seinen gewohnten Gang, neue Lehrmittel werden konzipiert und verwendet - die blinden Schüler erfahren solcherart immer mehr "Welt". Direktor und Lehrerkollegium kooperieren offensichtlich optimal und veröffentlichen in weiterer Folge zahlreiche wichtige Schrif- ten; die "Enzyklopädie des Blindenwesens" von 1900 ist das bedeutendste Werk! Besuche kommen von überall, das Gästebuch jener Tage quillt über von Eintragungen, die heute bei einschlägigen Auktionen viel Geld bedeuten würden: Max Devrient, einer der Großen des Burgtheaters unterschreibt ebenso wie sein Kollege Joseph Kainz. Auch der Dichter Ginzkey gehört zu den Besuchern, die sich sehr beeindruckt zeigen.1913 weist das Gästebuch zwei in "Schönschrift" hingemalte Unterschriften auf: Max und Ernst Hohenberg steht da - die Söhne des ein Jahr später ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand. 1902 kam Kaiser Franz Joseph I. persönlich und zeigte sich an der Einrichtung des Hauses sehr interessiert. Er lobte den Eifer der Schülerinnen und Schüler besonders und war von den musi- kalischen Produktionen überaus beeindruckt. - Ein Bonmot sei hier berichtet: Der Direktor wurde vom Kaiser befragt, ob er "Zög- linge" aus allen Teilen der Monarchie hätte, was dieser bejahte. Darauf die Frage: "Vertragen die sich alle?" - "Selbstverständlich, Eure Majestät!" - "Sie Glücklicher!" Im Sommer 1910 beherbergte das Institut den XIII. Blindenlehrer- kongress; das zweite Mal nach seiner Gründung in Wien (1873) tagte dieses oberste Gremium aller Blindenpädagogen des deutschsprachigen Raumes in der Kaiserstadt. Im Zuge der Vor- bereitungen gelang es auch ein eigenes "Museum des Blindenwesens" zu schaffen, das wertvolle Exponate und Unikate zur Blindenbildung aufzuweisen hatte. - Es war dies ein letztes Beisammensein der herausragenden Persönlichkeiten der Blin- denpädagogik in friedlichem Rahmen; ein neuer Kongressort (Hannover) wurde zwar beschlossen - aber es kam nicht mehr dazu: Am 28. Juli 1914 wurden der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie, Herzogin von Hohenberg, in Sarajewo erschossen - das europäische Bündnissystem trat in Kraft und nach der Kriegserklärung "Österreich-Ungarns" an das Königreich Serbien taumelten die Großmächte Europas in den Ersten Weltkrieg. Der Erste Weltkrieg und die "neue Zeit" Kriegsbegeisterung - um nicht zu sagen: Kriegsraserei - erfasste die Habsburger-Monarchie: Wer nicht ins Feld konnte, der bot seine Dienste anderweitig an. Direktor Mell stellte das Institut den zuständigen Stellen als Spital für Augenverletzte zur Verfügung - eine sicherlich notwendige Einrichtung, an die beim damaligen patriotischen Überschwang zunächst offenbar niemand gedacht hatte; man war ja auch mit der modernen Kriegstechnik absolut nicht vertraut - die österreichische Infanterie rannte noch im Sturmlauf, Offiziere mit gezogenem Säbel zehn Schritte voran, gegen die Maschinengewehre der Russen an - und wusste nichts von den grässlichen Verletzungen, die moderne Waffen schlagen konnten! Die Schüler des Institutes wurden entweder in andere Anstalten transferiert - oder "nach Hause beurlaubt"; die Aussicht auf einen "kurzen Krieg" überdeckte alle pädagogischen Bedenken. Das Institut wurde also zum Spital, unterstand dem Roten Kreuz und wurde von vielen Potentaten besucht: Kaiserin Zita kam 1917; die Tochter Franz Josephs, Erzherzogin Marie Valerie; der Admiral Erzherzog Stephan usw. Sie versuchten die Kriegsblin- den, die hier Unterkunft und Umschulung fanden zu trösten und ihnen zu helfen; die Chronik kann nicht vermelden, ob ihr Bemü- hen von Erfolg gekrönt war. Die Lehrer des Institutes taten in der Umschulung Dienst, es ist allerdings nicht eruierbar, ob sie damals militärischem Kommando unterstanden oder bloß dienstzugeteilt waren. Ihr Bemühen dürfte jedoch recht erfolgreich gewesen sein, wie man aus späteren Berichten der Kriegsblinden-Selbsthilfeorgani- sationen herauslesen kann. Im November 1918 endete dieser furchtbare Krieg, die Kriegsblinden konnten in ihre Heimat zu- rückkehren. - Eine angeblich neue Zeit brach an. Der Anfang der "neuen Zeit" war im Institut von discordia be- herrscht: Der bisherige Direktor wurde 1919 von der neuen Staatsführung in Pension geschickt; seine großen Verdienste wurden nicht gewürdigt - er hatte vor den geänderten Umständen zu kapitulieren. Sein Nachfolger musste primär mit wirtschaftlichen Problemen kämpfen: Die bisherige Währung, die Krone, verlor tagtäglich an Wert - wenn auch die Inflation nicht so schreckliche Ausmaße annahm wie in Deutschland. Durch eine Anleihe des Völkerbun- des gelang 1923/24 die Stabilisierung, 1925 wurde die neue Währung - der Schilling - eingeführt. Der Umtausch erfolgte im Verhältnis 10.000 Kronen = 1 Schilling. Die diversen Fondsver- mögen des Institutes, aus denen der Unterhalt wenigstens teilweise gedeckt werden konnte, waren durch den Krieg wertlos geworden bzw. als nunmehriges "Auslandseigentum" nicht mehr verwertbar, das Institut war jetzt ausschließlich vom Staatsbudget abhängig! In diese schwere Zeit fiel auch die Schließung der nie- derösterreichischen Landes-Blindenanstalt in Purkersdorf, Herrengasse 8. Einige Lehrer mussten von "Wittelsbach" über- nommen werden, u. a. zwei spätere Direktoren des Institutes. Auch kam eine größere Anzahl von Schülern in das ursprünglich für maximal 60 Schüler ausgelegte Haus; es kam zur ersten Überbelegung in der Geschichte des Institutes, zeitweilig weilten mehr als 100 Schülerinnen und Schüler im Hause. Ihre Ausbil- dung bewegte sich leider in konservativen Bahnen: Schul- ausbildung, dann Werkstätte oder Musikerausbildung, für die Mädchen auch noch weibliches Handarbeiten. Die ersten Ver- suche der Ausbildung blinder Stenotypisten in deutschen Schulen waren bekannt, eine Nachahmung in "Wittelsbach" konnte aber aus finanziellen Gründen nicht erfolgen - der schwer angeschlagene Kleinstaat Österreich konnte beim besten Willen die erforderlichen Mittel nicht bereitstellen. Die Ausbildung in den aufgezählten Bereichen scheint aber sehr intensiv betrieben wor- den zu sein, speziell die Musiker hatten einen ausgezeichneten Ruf. Einige von ihnen konnten später ein einschlägiges Studium am Konservatorium aufnehmen und ihr Wissen und Können an ihre Schicksalsgefährten weitergeben. Ab 1929 wurden einige blinde Handwerker von der in bescheide- ner Blüte stehenden Elektro- und Radioindustrie als Mitarbeiter aufgenommen, ihre Tätigkeit ist nach den vorhandenen Auf- zeichnungen vielfältig gewesen, würde jedoch heute unzweifelhaft der Automation zum Opfer fallen. Die Ideen der Schulreform scheinen von den jungen Lehrern des Institutes behutsam übernommen worden zu sein, sie hatten je- doch immer wieder den herrschenden Konservativismus von Direktion und älteren Lehrern zum Gegner. Auch die Öffentlich- keit stand den Bestrebungen nach Integration Behinderter fast ablehnend gegenüber; ein späterer Direktor hat von einem Vorfall aus den späten 20er Jahren berichtet, als er, Lehrer/Erzieher von Beruf, bei einem Spaziergang im Prater mit seinen Schutzbefoh- lenen von einem Reiter gerammt wurde. Es gab Verletzte - und die Ermahnung des später den Vorfall verhandelnden Richters: "Was müssen Sie auch mit Blinden im Prater spazieren gehen?" Dennoch wurde im Sommer die Militär-Schwimmschule benützt, wurden auch Ausflüge veranstaltet (u. a. mit einem Donauschiff nach Linz zum Besuch der dortigen Blindenanstalt!) und die Schüler immer wieder zu Spaziergängen geführt. Denn - das dür- fen wir nicht vergessen: "Wittelsbach" war a priori kleiner als heute: Die heutige Grundstücksfläche war gedrittelt. Sie bestand aus dem Areal "Blindeninstitut", aus dem Areal "Rasper" sowie aus dem Areal "Liechtenstein". An herausragenden Besuchen bis Anfang der 30er Jahre vermeldet das Gästebuch neben Reisenden aus Japan, USA und England auch mehrfache Besuche von Fachkollegen aus Deutschland: Die in der Blindenpädagogik heute besonders geschätzten Namen von Niepel (war einer der Initianten der gängigen Abgrenzungsformel zwischen Blinden und Sehbehinderten) und Dr. Strehl (begründete die Blindenstudienanstalt in Marburg an der Lahn) seien hier besonders genannt. Der Begründer der österreichischen Schulreform, Otto Glöckel (1874-1935), besuchte 1933 in seiner Eigenschaft als Präsident des Wiener Stadtschulrates das Institut. Aber jeder pädagogische Elan musste zu Anfang der 30er Jahre aufgrund der tristen wirtschaftlichen Lage scheitern. An die Einführung der Berufsfelder "Büroberufe" (Stenotypist und Telefonist) war nicht zu denken; es wurde überall eingespart und das Personal des Institutes zum Teil drastisch reduziert. Die verbliebenen Mitarbeiter mussten die Mehrarbeit unter sich aufteilen und waren froh überhaupt Arbeit zu haben! Ständestaat und Zweiter Weltkrieg Die schrecklichen Tage des Jahres 1934 - Bürgerkrieg im Februar und Putsch der Nationalsozialisten im Juli - ließen das Institut äußerlich wenigstens unberührt. Wie es intern zugegangen ist, wissen wir nicht. Die neue Staatsform - ein Ständestaat faschistischer Prägung - brachte keine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, es musste weiter eisern gespart werden und die austretenden Schüler gingen einem schweren Schicksal entgegen. Im Jahre 1935 erhielt das Institut einen neuen Direktor, der natürlich dem neuen Staatskurs entsprechen musste. Er selbst, langgedienter Blindenlehrer, versuchte mit bescheidenen Mitteln sehr bald nach Amtsantritt die versteinerten Strukturen der Berufsausbildung aufzulockern, aber ohne Erfolg - die nach wie vor herrschende wirtschaftliche Tristesse machte allen Fortschritt unmöglich. Dafür hatte sich der neue Direktor mit anderen Dingen herumzuschlagen: Es wurden erste Luftschutzübungen angeordnet und von allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Institutes wurden mehrfach "Spenden" vom bescheidenen Salär eingefordert: Einmal als "Fliegerspende", dann wieder für den "Österreichischen Arbeitsdienst"; die "Staatsorganisation" Vaterländische Front verlangte einen monatlichen Obolus von jedem Mitarbeiter, der vom Direktor abgerechnet werden musste. Der Ständestaat versuchte verzweifelt, in seinem Zweifrontenkrieg gegen Sozialdemokratie und Nationalsozialismus ein eigenes Österreichbewusstsein aufzubauen. Diesem Zweck scheint auch der Besuch des "Bundeskommissärs für Heimatdienst", Walter Adam, im Jahre 1936 gedient zu haben. Als es jedoch politisch immer kritischer wurde, musste der Direktor ausdrücklich "politische Gespräche" und das "Abhören bestimmter politischer Sendungen im Rundfunk" streng verbieten. Eine äußere Sensation mag für die Zöglinge des Institutes der Neubau der Rotundenbrücke gewesen sein, der 1935-1937 durchgeführt worden ist. Es begann das Schicksalsjahr 1938 und den Schülern wurde wiederum alles, was mit Politik zu tun hatte, strikte verboten. Wie die Realität war, wissen wir nur aus Berichten von Zeitzeugen: Es wurde dennoch diskutiert, leise und heimlich natürlich - aber die unerbittlichen Entscheidungen wurden dadurch nicht beeinflusst: Am 13. März 1938 ging Österreich unter und wurde Teil des Großdeutschen Reiches der Nationalsozialisten. Am Anfang stand die "Beeidigung": Der Direktor musste sogleich nach der Machtübernahme in den Stadtschulrat, um dort den "Treueeid" zu leisten; dasselbe hatte er dann im Institut gegenüber allen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu tun. Vereidigt wurde selbstverständlich auf den "Führer"! Am Anfang gab es sicherlich Sympathien gegenüber dem neuen Regime, erhoffte man sich doch eine wesentliche Änderung der wirtschaftlichen Lage. Die Schüler und Schülerinnen wurden auch sogleich in die Hitler-Jugend und in den Bund Deutscher Mädchen eingegliedert; der Sportunterricht bekam höchste Priorität vor allen anderen Unterrichtsgegenständen. Noch wollte man nichts von den schon existenten Gesetzen "Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" wissen - die Ernüchterung kam aber rasch! So wurden die deutschen Steuergesetze als schwere Belastung empfunden; im Schnitt bekamen alle jetzt weniger Geld als in der Zeit des unbeliebten Ständestaates. - Darüber hinaus wurde die angebotene Warenmenge immer geringer - "Kanonen statt Butter" lautete die Losung! 1939 gelang dem damaligen Direktor ein erster Durchbruch hinsichtlich der Einführung des Berufsfeldes "Büroberufe" - die technisch Verantwortlichen für derartige Einrichtungen weilten im Institut und legten offenbar die Richtlinien fest. Beschleunigt wurde dieses Verfahren leider durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939; jetzt auf einmal war alle Arbeitskraft, die Wehrfähige für den Krieg freizusetzen vermochte, willkommen. - Das heißt aber nicht, dass die nationalsozialistischen Verbrecher ihr Ziel - die Euthanasie angeblich "lebensunwerten" Lebens - aus den Augen verloren hätten. Aus dem Institut sind aber zum Glück keine Schüler und Schülerinnen dieser Mordaktion zum Opfer gefallen! Auch die legalisierte Zwangssterilisation wurde nicht durchgeführt! Im Schuljahre 1939/40 wurde die erforderliche Ausrüstung für die Berufsausbildung "Stenotypist" und "Telefonist" beschafft, im Sommer 1940 erfolgte die erste Telefonistenprüfung. Die Namen der Pioniere Adolf Mehlhuber und Dr. Karl Trapny sollen hier ehrend genannt werden. Sie haben beide Berufsfelder zu dem hingeführt, was sie heute sind! Die jüngeren Lehrer und Erzieher mussten einrücken, die älteren zusätzliche Aufgaben übernehmen: so etwa die Umschulung Kriegsblinder (diesmal nicht im Hause, sondern in den sogenannten Reservelazaretten in Neuwaldegg). Die weiblichen Lehrer und Erzieher mussten darüber hinaus noch in den "Kartenstellen" - hier wurden die Bezugskarten für Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarf ausgegeben - Dienst versehen. Ungeahnte Bedeutung erhielt das Sommerquartier des Institutes in Waldamt - Maria Seesal, Gemeinde Ybbsitz/NÖ: Zunächst konnten die Schüler und Schülerinnen des Institutes hier in den Sommermonaten eine etwas üppigere Kost erhalten, mit zunehmenden Bombenangriffen auf Wien wurde dieses seit 1910 dem Institut gehörende Heim auch zum Zufluchtsort. Vor allem die Jüngeren wurden mit ihren Lehrerinnen und Lehrer dorthin "verschickt"; die Älteren blieben in Wien und erlebten das Chaos der sich mehrenden Bombenangriffe hautnah. 1942 beschlossen die "Ratsherren" des "Reichsgaues Wien" den Ankauf der beiden angrenzenden Liegenschaften - seit damals existiert das heutige Areal "Wittelsbach". Diese "Ratsherren" waren seit 1938 für das Institut zuständig, man hatte aus dem Hause eine "Städtische Blindenschule mit Heim für Jungen und Mädchen" gemacht. In die sogenannte Liechtensteinvilla wurde die wertvolle Fachbibliothek ausgelagert. Die Raspervilla diente als Personalwohnung. Die zunehmenden Bombenangriffe veranlassten die Direktion die Verlegung des "Museums für das Blindenwesen" in sichere Luftschutzkeller zu urgieren; im Herbst 1944 erfolgte dann eine hastige Auslagerung in die tiefen Keller der Hofburg. Dennoch ist dem Institutsgebäude - im Gegensatz zu den Kämpfen vor Kriegsende - durch die Bombenangriffe kein nennenswerter Schaden entstanden. Am 28. März 1945 überschritten russische Truppen zwischen Rechnitz-Schachendorf und Klostermarienberg die damalige Reichsgrenze und betraten österreichischen Boden. Sie drangen in weiterer Folge gegen Nordwesten vor - ihr Ziel war dem deutschen Verteidiger, Generaloberst Wöhler, vollkommen klar: Wien! Die Bevölkerung der Millionenstadt wurde darüber bewusst in Unkenntnis gehalten, die russischen Vorstöße wurden als abgewehrt dargestellt, eine akute Gefahr schien absolut nicht gegeben. Der damalige Direktor war aber dennoch in großer Sorge, hatte er doch für eine Zahl von ungefähr 20 halbwüchsigen Schülern zu sorgen, auch galt es das verbliebene Hauspersonal irgendwie zu schützen. Von offizieller Seite wurde allerdings nichts getan, sieht man davon ab, dass der "Reichsstatthalter" am 30. März 1945 das Standrecht (und damit praktisch die Todesstrafe selbst für das kleinste Vergehen!) verhängen ließ. Die Russen drangen trotz teilweise erbitterter Gegenwehr weiter in Richtung Wien vor, am Ostersonntag, dem 1. April 1945 war praktisch das gesamte Steinfeld südlich von Wien in ihrer Hand. Am 2. April 1945 ließ der "Reichsstatthalter" daher eilends Plakate anschlagen: "Wien ist zum Verteidigungsbereich erklärt worden. Frauen und Kindern wird empfohlen die Stadt zu verlassen!" Zu dieser Zeit versuchte der Direktor des Institutes verzweifelt seine Schutzbefohlenen aus dem Institut wegzubringen; er - ehemaliger k.k. Leutnant der Reserve - konnte sich unschwer vorstellen, dass der Donaukanal zu einer Kampfzone werden würde, mit allen schrecklichen Folgen. Äußeres Zeichen war ihm, dass die berüchtigte Waffen-SS an diesem Tage im Institut einen Hauptverbandplatz einrichtete. Die Mitnahme der Blinden auf einem Donauschiff wurde abgelehnt; mehr oder weniger deutlich wurde gesagt, es gäbe jetzt wichtigere Personen zu evakuieren. Dringende Vorstellungen bei der für diese Dinge nunmehr zuständigen Parteidienststelle führten dazu, dass der Direktor unverzüglich zum "Volkssturm", dem seit September 1944 aufgestellten "Letzten Aufgebot" der Nazi-Verbrecher, einberufen wurde. Allerdings gewährte ihm ein verständnisvoller Kommandeur sogleich Urlaub, sodass im letzten Augenblick ein Lastauto voll mit Habseligkeiten und den Zurückgebliebenen beladen werden konnte, welches sich in Richtung Westen, zur Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" (damals "Am Spiegelgrund" geheißen) in Bewegung setzte, wo in einem leerstehenden Pavillon eine provisorische Unterkunft gefunden wurde. Eine zweite gefahrvolle Fahrt barg noch einiges mehr an Wäsche, Kleidung und Lebensmitteln. Dann aber rollte der Krieg mit unvorstellbarer Wucht über die große Stadt hinweg, die Ernennung eines neuen "Kampfkommandanten" und der Aufmarsch der "Führer-Panzerdivision" brachten bloß verlängertes Leiden über Zehntausende. Zwischen 8. und 10. April tobten entlang des Donaukanals schwerste Kämpfe, die Brücken wurden gesprengt. Die verbissen kämpfenden deutschen Einheiten wichen durch den Prater gegen die Floridsdorfer Brücke zurück, ab dem 12. April brannte der Stephansdom - und am 13. April 1945 ließ Stalin in Moskau einen Salut von 24 Salven aus 324 Geschützen abfeuern: Wien war in russischen Händen! Das Institutsgebäude hatte unter den Kämpfen schwerstens gelitten, war zum Großteil Ruine. Lediglich Räume im Parterre waren einigermaßen benützbar - dort fand die Blindenbücherei und -druckerei Quartier. Sanitäranlagen waren nicht vorhanden, die Bedürfnisse mussten mehr als ein Jahr lang im Garten erledigt werden. Plünderer suchten die Ruine heim und schleppten alles weg, was irgendwie brauchbar erschien; dass es sich um Eigentum der Blinden handelte, scherte offensichtlich niemanden. Eine blinde Kindergärtnerin, die im Institut zurückgeblieben war, verhungerte in dieser schrecklichen Zeit und wurde im Garten des Institutes bestattet - ein makabres Zeichen letzter Verbundenheit mit ihrer Ausbildungs- und Wirkungsstätte! Schwerster materieller Verlust war der Brand der Liechtensteinvilla: Hier war die Fachbibliothek mit Unikaten und seltenen Schriften zur Blindenpädagogik untergebracht gewesen - Unwiederbringliches ging hier verloren! In dieser schrecklichen ersten Nachkriegszeit ging die kleine Schicksalsgemeinschaft auseinander, hoffend, dass im Herbst eine neue Unterkunft gefunden sein würde.- Die Evakuierten von Waldamt blieben zunächst dort, wo sie waren. Hofrat Dr. Friedrich Benesch