Freitag, 17. April 2009
14.00 – 17.00 Uhr
Der Labyrinthaufbau fand am Vortag mit Hilfe von Herrn Manfred Lima (Gärtner der Schule), den Co-Leiterinnen Eveline Weiss, Erika Schafellner sowie des Schülers Patrik und mir, Ilse M. Seifried (Initiatorin des Projektes) auf der Fußballwiese statt.
Es wurde nicht die Labyrinthstruktur sondern der Weg (Ariadnefaden) eckig
gesteckt.
Als beste Aufbauvariante stellte sich heraus, von innen heraus die Stöcke
zu setzen und die Schnur zu spannen – was ca. 30 Minuten benötigt.
Das Ausmaß betrug ca. 17 m x 16 m, Weglänge 246 m
Das Material: 38 Kunststoffpfähle der Firma Kerbl
Für den Handlauf wurden 1,5 Wollpackungen á 155m – Wolle
mit weichen Pompons der Firma Regia – verwendet.
Die Wettergöttin war dem Experiment gewogen und so wurde dieser kühle aber trockene Nachmittag für alle ein besonderes Erlebnis.
Die mutigen und experimentierfreudigen TeilnehmerInnen waren
Hr. Hyden
Fr. Markovic
Fr. Kotinsky
SchülerInnen der Schule:
Corina
Anita
Angela
Katharina
Amila
Wilhelm
Frau Ettl – Mobilitätstrainerin an der Schule
Herr Prof. Mag. Schmid – (blinder) Lehrer an der Schule
Ermöglicht wurde dieses Pilotprojekt erst durch die großzügige Unterstützung der Firma Kerbl, die die Weidenstecken kostenlos zur Verfügung stellte.
A. Der Projektablauf
1. Begrüßung und Vorstellungsrunde
2. Vermittlung des geplanten Ablaufs und der Zeitstruktur von 3 Stunden
3. Einführung ins Thema
4. Einführung in die Labyrinthbegehung
5. Labyrinth-Erfahrungen (Holz, Stoff, Wiese) und Erfahrungsaustausch in Kleingruppe
6. Erfahrungsaustausch, Analyse u. Resümee in der Großgruppe
7. TeilnehmerInnen erhalten Skript - Dank und Verabschiedung
B. Das Urlabyrinths (auch kretisches Labyrinth genannt) hat 7 Umgänge.
Der Ariadnefaden (Weg durch die Labyrinth-Struktur) pendelt zum Zentrum und
wieder weg sowie nach links und rechts.
Der Wegrhythmus ist folgender:
Der Weg ins Labyrinth führt direkt in den 3. Gang, weiter
raus in den 2.
und weiter raus in den 1. Gang (den äußersten und längsten)
dann
rein in den 4.
rein in den 7.
raus in den 6.
raus in den 5. Gang und
rein ins Zentrum
Das Zentrum ist der Umkehrpunkt für den Weg hinaus.
C. Labyrinth-Erfahrungen
Der Weg wurde von jeweils 2 bzw. 3 Personen gegangen, sodass es auch zu Begegnungen kam.
Die TeilnehmerInnen antworteten auf die Frage:
1. Wie fühlen Sie sich? alle positiv. Beispiele:
- Mir geht’s gut.
- Super, weil verlaufen kann man sich nicht, weil eh immer der Faden da ist.
Ganz super, ja.
- Ausgezeichnet! War wirklich super!
- Also ich fühl mich sehr entspannt. Es hat mir alles sehr sehr gut getan.
Also ich bin mir eigentlich vorgekommen, so als wär ich in meiner Gedankenwelt.
Also das was ich mir nicht erwartet hätte. Aber es war so und es hat
mir wirklich sehr gut getan, das alles sozusagen zu durchschreiten und wieder
zurück zu kommen.
- Ich fühl mich befreit.
Die TeilnehmerInnen antworteten auf die Frage:
2. Was haben Sie erlebt? Beispiele:
- Ich habe eine komplett neue Erfahrung gemacht.
- Es hat sich für mich alles wie ein sehr schöner Traum angefühlt.
Aber ein Traum, der immer weiter treibt zu gehen, also nicht stehen bleiben
sondern – Es war ein sehr schönes Gefühl.
- Mich fasziniert das immer so, wie es das gibt, wenn man umhergeht, so immer
wieder rechts und links trotzdem wieder zum Ausgang kommt.
- Die Erfahrung, dass die Orientierung an der Sonne nur kurze Zeit funktioniert.
Die Kombination zwischen den Richtungen und der Sonneneinstrahlung die ist
ein ganz interessanter Aspekt.
- Hab ich was erlebt? Also, ich bin zusammengestoßen (lacht). Also ich
bin mit Ilse öfter zusammengestoßen. Also zusammenstoßen
war das nicht (lacht).
- Es war schon super, muss ich sagen.
- Die Erfahrung manchmal der Ungeduld, so im Inneren und auch vielleicht einmal
die Erfahrung der Verlorenheit, aber auch die Gewissheit: „Ich komm
ja eh wieder heraus.“
Die TeilnehmerInnen antworteten auf die Frage:
3. Was war angenehm / positiv? Beispiele:
- Es war im Grunde alles positiv.
- Es war angenehm weil es nichts Holpriges gab, keine Steine oder so…..
- Die Ruhe, die es ausstrahlt. Es ist irgendwo so ein Dahingleiten in diese
verschiedenen Richtungen. Für uns ist es ein Vorteil, dass alles im rechten
Winkel gesteckt ist, weil wir uns auch auf der Straße nach dem rechten
Winkel orientieren.
Daher ist das für uns etwas sehr Vertrautes. Es ist nichts Unvertrautes.
- Dass der Weg einfach weitergegangen ist. Es gab kein Hindernis.
- Dass man eben irgendwie frei gehen kann. Eigentlich hab ich da nicht so
die Angst wie im Straßenverkehr.
- Es war schon eine Überraschung. Ja, es war schon angenehm.
- Nicht wirklich. Es gab halt einen Stock, ich glaub, da bin ich ein bißl
gestolpert aber sonst war eigentlich alles in Ordnung.
- Positiv ist, dass ich ohne fremde Hilfe gehen kann – und zwar auch
in meinem Tempo. …. und da kann man ganz schön lang gehen.
Die TeilnehmerInnen antworteten auf die Frage
4. Was hat Sie gestört / war irritierend? durchgehend mit Nichts. Beispiele:
- Es gab so ziemlich scharfe Kanten, wo man so antippt. Aber es war wieder
diese Erinnerung: „Du bist hier! Du bist noch nicht in einem Traum!
Ich finde, das ist eine sehr gute Kombination.
- Nein. Man muss nur aufpassen bei den Stöcken.
- Nein.
- Nein. Nix. Überhaupt nicht. Es war alles super.
- Besonders Unangenehm nicht. Das Licht. Aber das liegt in der Natur der Sache,
das kann man nicht ändern. Das Anstoßen an die Stöcke
Weitere Aussagen
- Die Rundungen beim Holzlabyrinth waren keine Schwierigkeit. Aber beim Gehen
wäre es wahrscheinlich schwieriger als das rechteckige.
Das eckige Labyrinth draußen war für mich ausgesprochen entspannend
und fast so wie schwebend.
- Für mich war das draußen das allerbeste. Aber das Ende, das hat mich irgendwie – da habe ich gedacht: „Bin ich jetzt gefangen?“ Gut, dann bin ich wieder zurückgegangen …
- Mir hat auch das draußen am besten gefallen und zwar deshalb, weil es spannend war …. Und man hat wirklich eine Reise gemacht – also für mich war das eine Reise durch meine Gedankenwelt. Es war einfach sehr schön, das zu durchschreiten. Und zurückzukommen. Also das war eine tolle Erfahrung.
- Ja, mir hat das draußen auch am besten gefallen. Aber des war nicht schwer, weil ich hab gewusst, es kann nichts passieren, es ist der Faden, der mich führt. Ich war in total anderen Gedanken, hab mich nicht konzentrieren müssen. Das war ganz beruhigend.
- Ich wollte nicht, dass es aufhört. Es war mir ganz egal, wie lange es noch dauert, ich hab mir nur gewünscht, es sollte einfach weitergehen.
- Man muss vielleicht auch allgemein sagen, es gibt ja Blindenerholungsheime, wo es solche Wege gibt, wo man einen Pfad entlang gleitet und erst das ermöglicht das entspannte Gehen. Das haben wir ja ganz ganz selten. Denn wenn ich alleine spazieren gehe, muss ich mich ja immer konzentrieren. Und durch die Führungshilfe kann ich ganz entspannt gehen. Außer ich hab eine Begleitung oder einen Hund. Aber das ist eine der wenigen Formen, wo man auch entspannt gehen kann. Also, ich hab mir das so vorgestellt – also, ich hab keinen Garten – so etwas könnte man sich eigentlich aufstellen irgendwo und jeden Tag dann einmal durchgehen oder zweimal. Ich habe auch während des Gehens an den Maler Mone gedacht, der im Garten die Seerose… und der hat über 100 mal diese Seerose gemalt. Mit einer ein bisschen veränderten Sicht oder wie es so halt mit der veränderten Sonne ist. So ein Meditationsobjekt könnte auch so ein Labyrinth sein. Weil es braucht eigentlich nicht allzu viel Platz.
- Da werden wir halt mit der Frau Direktor darüber reden.
- Also ich hab es draußen auch sehr entspannt gefunden, weil man wirklich so frei und locker gehen kann. Es war recht lustig manchmal. Wenn man angestanden ist an einem Faden und um die Ecken gehen hat müssen. Und da herinnen, muss ich sagen, das Holz war nicht schwierig für mich, weil man hat wirklich in der Führung bleiben können. Und ich glaub, ich hätt mir mit dem Stock ein bisschen leichter getan, wenn ich mir das Holz vorher gemacht hätte. Weil ich hab ja nicht gewusst, wie das zusammenhängt, wie das ausschaut von oben bis unten. Bei dem Holz hat man das genau im Ganzen angreifen können wie die Umdrehung ist.
D. Zusammenfassung - Ausblick und Nachhaltigkeit
Frau Direktor Alteneder ließ das Labyrinth noch weiter für alle
anderen SchülerInnen stehen, damit auch diese Erfahrungen machen können.
Sie plant – aufgrund der Zustimmung durch SchülerInnen und LehrerInnen
der Schule - ein permanentes Labyrinth aufzustellen.
Das Material ist in der Schule gelagert und steht jederzeit allen weiteren
Labyrinthprojekten für Blinde zu Verfügung.
Es lässt sich zusammenfassen, dass das Labyrinth-Pilotprojekt sehr gut
angenommen wurde. Das Labyrinth hat ein besonders großes Entspannungs-
bzw. Mediationspotential für Menschen.
Das Thema wurde aufgegriffen und wird fortgeführt.
Ilse M Seifried
www.das-labyrinth.at
Information zum Thema LABYRINTH
Das Standardwerk zum Thema ist Labyrinthe- Erscheinungsformen und Deutungen – 5000 Jahre Gegenwart eines Urbilds (Prestel Verlag 1982) von Hermann Kern. Es ist die erste wissenschaftliche Arbeit, die zwischen Spiralen, Mäander, labyrinth-ähnliche Formen und dem Labyrinths selbst, das im Laufe der Geschichte Veränderungen in Gestalt und an Bedeutung erfuhr, differenziert.
Die beiden ältesten und sicher datierbaren archäologischen Funde
sind jene beiden von ca. 1200 v.u.Z. aus Pylos (GR) bzw. Tell Rifaàt
(Syrien).
Es gibt Felsritzungen bzw. Zeichnungen in Höhlen auf Sardinien, in Val
Camonica (I) und Pontevedra (ES), die ebenfalls aus dieser Zeit stammen dürften
bzw. etwas jünger sind.
Noch wissen wir nicht, wo und warum das Labyrinth tatsächlich als Struktur
erstmals entstanden ist.
Noch wissen wir nicht, wie es, wenn es benützt wurde, benützt wurde
bzw. welchem Zweck es diente, wenn es einem Zweck gedient hat.
Bisher wurden keine Gebäude in Labyrinthform gefunden, obgleich diese
Vorstellung seit Jahrhunderten in vielen Köpfen spukte.
Ab ca. 400 v.u.Z. ist die Labyrinth-Struktur auf griechischen Münzen,
die auf Kreta hergestellt wurden, geprägt. Als Grafitti findet es sich
79 n.u.Z. in Pompej an einem Türstock mit der Inschrift: Hier wohnt Minotaurus
und erstmals mit dem Wort Labyrinth.
Ob das Labyrinth an einem Ort seinen Ursprung hat, ob es unabhängig voneinander
an verschiedenen Orten kreiert wurde, ist nicht belegbar. D.h. die grundsätzlichen
Fragen sind alle noch offen.
Das Wort labyrinthos ist ein vorgriechisches und weiters kein kretisches
Wort. inthos weist auf eine Ortsbezeichnung hin, labrys ist ein klein-asiatisches
Wort und wurde oft mit Doppelaxt übersetzt. Gesichert ist, daß
dieses Wort auf Kreta nicht für die Doppelaxt (die die ab- und zunehmenden
Mondsicheln darstellen dürfte) verwendet worden ist.
Eine Möglichkeit, sich dem Wort etymologisch zu nähern, ist, in
ihm einen ganzen nordwestsemitischen Satz zu hören. Obwohl dafür
literarische Beweise fehlen, schlägt Dürr eine Deutung vor, die
er probeweise mit altphönizischen Buchstaben geschrieben hat und die
lautet: Auf die Mitte weise den Umherirrenden hin!
Grammatikalisch handelt es sich dabei um einen Imperativ, der an eine Frau
oder Göttin gerichtet ist. Mitte steht auch für Herz bzw. Zentrum
des geistig-seelischen Lebens. Inhaltlich passt der Text zur Form.
Aus der Struktur des Labyrinths entwickelte sich der Irrgarten. Dieser ist
charakterisiert durch die Weggabelungen, d.h. Entscheidungen müssen für
ein Vorangehen getroffen werden: gehe ich links oder gehe ich rechts?
Ab 1420 werden Irrgärten gezeichnet und angelegt. Es ist die Zeit, da
sich die Menschen von der religiösen Gebundenheit emanzipieren. Wahlmöglichkeiten
aufgrund von Mündigkeit und Eigenverantwortung sind die Basis. Der Irrgarten
wird damit zum Symbol einer Welt, in der sich der Mensch verlieren kann bzw.
verliert.
Die älteste bekannte Darstellung eines Irrgartens stammt aus dem Notizbuch
des venezianischen Arztes Giovanni Fontana.
Das Labyrinth lädt dich ein, seinen Weg zu gehen, der keine Weggabelungen
kennt. Wenn du nicht aufgibst, gelangst du ins Zentrum.
Der Irrgarten zwingt dich immer wieder, dich zu entscheiden, welchen Weg du
weitergehen möchtest. Du musst eine Wahl treffen.
Dem Labyrinth im eigentlichen Sinn liegen folgende Kriterien des Formprinzips zugrunde:
* Es gibt eine äußere Begrenzungslinie, die nur eine Öffnung
besitzt.
* Die Figur kann (gedanklich oder körperlich) zwischen den Linien abgeschritten
werden.
* Der Weg ist kreuzungsfrei, d.h. er bietet keine Wahlmöglichkeit und
wechselt immer wieder pendelnd die Richtung. Der Weg führt wiederholt
sehr nah am Zentrum vorbei und mündet schließlich ausweglos und
sackgassenartig in ein Zentrum.
* Ein Weg, der als Umweg vom Eingang zum Zentrum führt, füllt den
Innenraum aus.
* Nur durch eine Wendung, einen Bogen von 180°, kann der Weg fortgesetzt
werden.
* Denselben Weg zurückgehend wird dieser diesmal vorschauend erfahren.
* Der Mittelpunkt des Labyrinths ist nicht das geometrische Zentrum.
* Das Zentrum ist ein leerer Raum.
Mit dem griechischen Mythos von Ariadne und Theseus sind der rote Faden
und das Labyrinth bis heute nicht vergessen. In diesem Mythos wird von einem
Labyrinth gesprochen, das aber als Irrgarten beschrieben wird, durch den Theseus
nur mit Hilfe des Ariadnefadens herausfindet. Mit der griechischen Kultur
findet also diese Vermischung von Irrgarten und Labyrinth (wie auch Werten
und Inhalte des Matriarchats und des Patriarchats) statt, die bis heute nicht
aufgearbeitet ist.
Und so sind Widerstände auch in der Wissenschaft zu finden, liebgewordene
Mythen, wie den Begriff des kretischen Labyrinthes und auch seine Synonymsetzung
mit dem Irrgarten aufzugeben.
Literatur
H. Kern: Labyrinte, Prestel Verlag 1982
Ilse M. Seifried: Das Labyrinth - Die Kunst zu wandeln, Haymon 2002
Caerdroia, Englische Labyrinthzeitschrift
Candolini Gernot, Labyrinthe, Pattloch 1999
Jaskolski Helmut, Das Labyrinth, Kreuz Verlag 1994
Kraft John, Die Göttin im Labyrinth, edition amalia 1997
Lonegren Sig, Labyrinths, ancient myths & modern uses, Gothic Image 1996
Riebe Brigitte, Im Palast der blauen Delphine, Piper 1994
Websites (mit weiterführenden links)
www.das-labyrinth.at
www.begehbare-labyrinthe.de
www.labyrinthos.net/
www.labyrinth-project.ch/index.html
www.labyrinthsociety.org/
www.mymaze.de