Wenn sich jemand in seinem Leben rückhaltlos für eine ihm wichtige Sache einsetzt, kann es auch zu Irrtümern in seinem Denken und Handeln kommen. Wir wollen die Betrachtung des Lebens von Johann Wilhelm Klein nicht abschließen, ohne solche Irrwege angeführt zu haben:
In seinem "Lehrbuch zum Unterrichte der Blinden" hat sich Klein für die Integration der an seiner Schule ausgebildeten Handwerker an deren Heimatorten ausgesprochen. In der Zeit des Biedermeier beginnt jedoch in Österreich der Übergang vom Verlagssystem zur Fabriksorganisation und damit eine zunehmende Industrialisierung. Aus Angst vor Konkurrenz wird blinden Menschen vielfach zu Hause die Ausübung ihres erlernten Gewerbes verboten. Klein hat den Werdegang seiner ehemaligen Zöglinge genau beobachtet und ist zum Schluss gekommen, dass nur eine Versorgungsanstalt die blinden Menschen vom Betteln abhalten könne. Das hatte 1825 die Gründung des Vereins zur Beschäftigung und Versorgung Blinder zur Folge. - Johann Wilhelm Klein hat versucht, seinen Irrtum zu Lebzeiten zu korrigieren. Erst wesentlich später ist das Selbstbewusstsein blinder Menschen so gewachsen, dass Selbsthilfeorganisationen gegründet werden, um der immer stärker werdenden Befürsorgung entgegenzuwirken.
Die führenden Ophtalmologen der damaligen Zeit lehnten das Training ("die Provokation") des Sehvermögens ab, weil sie dauerhafte Schäden befürchteten. Klein schloss sich der Expertenmeinung an und entwickelte keine kreativen Ideen für die "Sehrestigen", wie man die betroffene Personengruppe damals nannte.
Der selbst blinde Franzose Louis Braille hatte in einem Brief an Johann Wilhelm Klein die von ihm erfundene Schrift erklärt. Klein konnte sich nicht vorstellen, dass dieses System der von Klein selbst erfundenen "durchstochenen Schrift" überlegen wäre, denn auf den ersten Blick ist ein Vorteil der Schrift Kleins offenkundig: Die Kommunikation mit sehenden Personen ist einfacher als mit der Schrift Brailles. In der "Beschreibung eines gelungenen Versuches blinde Kinder zur bürgerlichen Brauchbarkeit zu bilden" ist zu lesen: "Eine andere sehr einfache Vorrichtung dient dazu, um eine durchstochene Schrift hervorzubringen, die der Blinde durchs Gefühl lesen kann. Abwesende Eltern, die mit dieser Vorrichtung versehen worden sind, korrespondieren mittels derselben mit ihren in dem Institut befindlichen blinden Kindern." Dies war auch noch bis in meine eigene Schulzeit am Blindeninstitut so, obwohl damals längst die Brailleschrift den Sieg in diesem Streit davongetragen hatte.
Kleins Irrtum bezüglich der Brailleschrift ist vor allem aus seinem Integrationsgedanken heraus verständlich: "Die Schrift darf Sehende und Blinde nicht voneinander trennen." Das Zeitalter der Digitalisierung hat dieses Problem auf eine neue Ebene gehoben: Wenn wir heute Zeichen in den PC tippen, dann wird das Geschriebene nicht sofort mit dem Ausgabemedium verknüpft. Früher verband sich die Tinte unmittelbar nach dem Schreiben mit dem Papier und gestochene Punkte hinterließen sofort nach dem Schreiben ihre Spuren im Papier. Im digitalen Zeitalter werden getippte Zeichen zunächst so gespeichert, dass weder Auge noch Hand unmittelbaren Zugriff haben. Das Geschriebene kann erst nach dem zweiten Schritt - der Ausgabe - wieder gelesen werden, sei es vom Bildschirm, auf Papier in Schwarzschrift oder Braille oder sogar über synthetische Sprache, wobei wir dieses "Lesen" als "Hören" bezeichnen. Der Computer erfüllt Kleins Forderung, dass es - beim Schreiben - keinen Unterschied zwischen Blinden und Sehenden gibt. Blinde und Sehende lesen dann das Geschriebene in ihrem Medium. Und ich bin mir sicher, dass auch Louis Braille mit dieser Lösung sehr zufrieden wäre, würde er heute noch leben!
- Ich habe dem Beispiel der Schrift etwas mehr Zeit gewidmet, weil es zeigt, dass manche Gegensätze in der Entwicklung der Bildung blinder und sehbehinderter Menschen auf überraschende Weise in einer Synthese aufgehoben werden, im Sinne von "hinaufgehoben". Wir wissen heute, dass die Blindenselbsthilfe wichtige Impulse geben kann, aber wir anerkennen auch, dass manche blinde und sehbehinderte Menschen, vor allem jene mit zusätzlichen Behinderungen, unsere spezielle und manchmal lebenslange Fürsorge und Hinführung zu einem selbstbestimmten Leben brauchen. Wir wissen heute durch die Erkenntnisse der Psychologie, dass es ein So-Sein des blinden Menschen gibt, ja es ist uns schon lange bewusst, dass jeder Mensch ein individuelles Erleben und individuelle Vorstellungen hat. Wir wissen aber ebenso um die Wichtigkeit gemeinsamer Werte und um die Notwendigkeit des solidarischen Lebens in Gemeinschaft. Inklusion und Integration sind Ziele, denen sich die heutige Bildung blinder und sehbehinderter Menschen nicht verweigern kann, jedoch herrscht breiter Konsens darüber, dass die Wege dorthin verschieden sein können. Ein Beispiel hierfür ist die in Österreich gesetzlich verankerte Wahlmöglichkeit der Eltern zwischen der Beschulung ihrer Kinder an Regel- und Spezialschulen.
- Mit diesen wenigen Gedankenanstößen, meine Damen und Herrn, habe ich versucht, die Brücke in unsere Zeit zu schlagen. Wir stehen im Jahre 2004!